Nichtwissen ist Macht

Wissen ist Macht – wer kennt diesen Spruch nicht. Aber was ist mit Nichtwissen? Wissen, Erkenntnis und Weisheit sind Begriffe, die als erstrebenswert gelten. Wir leben in einer sogenannten „Wissensgesellschaft“, wie kann in dieser Nichtwissen relevant sein?

Pränatale Diagnostik ist heute selbstverständlich: Bereits in den ersten Wochen kann die Frauenärztin feststellen, ob mein Kind behindert sein wird. Aber möchte ich das wirklich wissen? Oft werden Frauen in einem solchen Fall sogar noch dazu ermutigt, abzutreiben. Vielleicht wäre es für alle Beteiligten besser, sie wüßten es nicht?

In Bewerbungsverfahren sind es oftmals nicht die Kompetenzen und Fähigkeiten, die die Wahl der passenden Mitarbeiterin beeinflussen, sondern ein vermeintlicher ausländischer Name oder gar das Geschlecht einer Arbeitssuchenden. Demnach ist auch in der Berufswelt eine bewußte Ignoranz erforderlich, um solche Vorurteile zu überwinden.

Ein weiteres positives Beispiel: Wir leben mittlerweile im „digitalen Zeitalter“, nie war es einfacher, Daten zu erheben. Einige Menschen zeichnen jeden ihrer Schritte, jede Mahlzeit, jedes Vorkommnis auf. Egal ob Supermarkt, Fitness-App oder Facebook, überall werden in einem Umfang Daten erhoben, die präzise Aussagen über die Person ermöglichen. Entsprechende Forscher können Personen sogar besser einschätzen als es die eigene Partnerin könne. Überspitzt gesagt, ist der sogenannte „gläserne Mensch“ heute längst Wirklichkeit geworden – freiwillig! Einzig „gläsern“ müsste man korrekterweise in „glasfasern“ abändern. Auf staatlicher Ebene finden sich hinsichtlich dieser Problematik gesetzliche Regelungen, die das Nichtwissen privilegieren: Datenschutz ist nichts anderes, als die Garantie für den Einzelnen, dass Institutionen nicht alles über jemanden wissen dürfen. Die Privatsphäre ist ein geschützter Raum, in dem neugierige Blicke nichts zu suchen haben.

Nichtwissen kann jedoch auch für weniger gute Entwicklungen verantwortlich gemacht werden: Contergan hieß das Medikament, das Schlafproblemen von Schwangeren entgegenwirken sollte. Von 1957 bis 1961 war das Mittel auf dem Markt und verursachte schwere Beeinträchtigungen bei den ungeborenen Kindern. Der Contergan-Skandal in Deutschland ist ein erschreckendes Beispiel für Nebenwirkungen, die nie auszuschließen sind. Auch umfangreiche Studien können niemals alle potentiellen Variablen in Betracht ziehen, von Tierversuchen ganz zu schweigen, die nicht auf den Menschen übertragbar sind.

Auch Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) wurden zunächst nur als vorteilhafte Errungenschaft wahrgenommen; erst Jahrzehnte später erkannte man, welchen Schaden diese Treibgase in unserer Atmosphäre anrichten. Kurzum: Der technische Fortschritt bringt nicht nur Erleichterungen mit sich, je komplexer eine Technik ist, umso mehr Risiken müssen mitunter auch in Kauf genommen werden. Atomkraft bzw. Atommüll beispielsweise wird uns noch eine „Ewigkeit“ beschäftigen, um nicht zu sagen bedrohen.

Die Liste ließe sich wohl noch lange fortsetzen, auch der Klimawandel und das Insektensterben können hierbei genannt werden. Skeptiker führen in diesen Zusammenhängen öfters an, dass z.B. der Klimawandel / das Insektensterben nicht eindeutig nachweisbar seien und operieren somit mit Nichtwissen als Argument („argumentum ad ignorantiam„) für das (unerträgliche) Nichtstun – ein logischer Fehlschluss! Die eigene Ignoranz als fadenscheinige (und vor allem bequeme) Begründung dürfen wir nicht akzeptieren, wenn uns die Umwelt nicht gleichgültig ist. Dazu müssen wir nur ein kleines Gedankenexperiment anstellen: Wenn die Klimaforscher recht haben, ist es nur folgerichtig, wenn wir entsprechende Konsequenzen ziehen und unser Verhalten ändern, wenn sie Unrecht haben, ist es zwar vergebliche Mühe, aber nichts Schädliches. Übrigens: Laut IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change – der sog. „Weltklimarat“) ist es zu 95 – 100 % wahrscheinlich, dass der Mensch den rasenden Klimawandel verursacht.

Die Facetten und Dimensionen von Nichtwissen sind vielfältig und werden seit einigen Jahren erforscht: Sowohl als gewinnbringende Ressource als auch Gefahr kann Ignoranz beobachtet werden. Es ist richtig und wichtig, dass wir die Aufmerksamkeit auf das Nichtwissen lenken und längst überfällig.

Nichtwissen sei nicht als das Gegenteil von Wissen aufzufassen, als ein Fehlen von Wissen, sondern beide Phänomene seien Teil eines Kontinuums (vgl. Stehr, Nico/Adolf, Marian, Ist Wissen Macht? Erkenntnisse über Wissen, 1. Aufl., Weilerswist 2015. S. 80). Weniger ein Besitztum, mehr ein Handeln sei Nichtwissen; in der Wissenschaft ist das Eingeständnis des Unwissens oft der Beginn einer Untersuchung und somit erkenntnisleitend. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, lautet oft das berühmte angebliche Diktum des Sokrates, das eigentlich lauten müsste „Ich weiß, dass ich nicht weiß“ und tatsächlich in ersterem Wortlaut nicht in den überlieferten Schriften zu finden ist. In wenigen Worten ging es Sokrates darum, die Einsicht in die Grenzen des eigenen Wissens zu befördern.

Nur wer erkennt, dass das eigene Wissen begrenzt ist und stets skeptisch bleibt, strebt (idealerweise) weiter nach Erkenntnis, nur Dumme glauben alles und alles zu wissen. Und Glauben ist nicht Wissen.

 

Literaturtipps:

Bailey, Alison, Strategic Ignorance, in: S. Sullivan/N. Tuana (Hrsg.), Race and Epistemologies of Ignorance, Albany/NY 2007.

Detten, Roderich von/Faber, Fenn/Bemmann, Martin (Hgg.), Unberechenbare Umwelt. Zum Umgang mit Unsicherheit und Nicht-Wissen, Wiesbaden 2013.

Gross, Matthias/McGoey, Linsey (Hgg.), Routledge International Handbook of Ignorance Studies (Routledge International Handbooks Series), London 2015.

High, Casey/Kelly, Ann H./Mair, Jonathan (Hgg.), The anthropology of ignorance. An ethnographic approach (Culture, mind, and society), 1. Aufl., New York NY 2012.

McGoey, Linsey, „Vom Nutzen und Nachteil strategischen Nichtwissens“, in: Peter Wehling (Hg.), Vom Nutzen des Nichtwissens. Sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven, Bielefeld 2015, 53–74.

Mills, Charles W., White Ignorance, in: Proctor/Schiebinger (Hrsg.), Agnotology, The Making and Unmaking of Ignorance, Stanford 2008, S. 230 – 249.

Oreskes, Naomi/Conway, Erik M., Merchants of doubt. How a handful of scientists obscured the truth on issues from tobacco smoke to global warming, 1. Aufl., New York/Berlin/London 2010.

Soentgen, Jens: Argumentieren mit Nichtwissen, in: Wehling/Böschen (Hrsg.), Nichtwissenskulturen und Nichtwissensdiskurse. Über den Umgang mit Nichtwissen in Wissenschaften und Öffentlichkeit, Baden-Baden 2015, S. 123 – 160.

Twellmann, Marcus (Hg.), Nichtwissen als Ressource, 1. Aufl., Baden-Baden 2014.

Wehling, Peter, Im Schatten des Wissens? Perspektiven der Soziologie des Nichtwissens, Konstanz 2006.

Wehling, Peter: Soziale Praktiken des Nichtwissens, APuZ 18 – 20/2013, Online verfügbar: http://www.bpb.de/apuz/158664/soziale-praktiken-des-nichtwissens .

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Welttierschutztag 2017

Heute ist Welttierschutztag, seit 1925 findet dieser Tag zu Ehren von Franz von Assisi statt. Nach ihm hat sich der aktuelle Papst Franziskus benannt.

Nicht ohne Grund, egal wohin man blickt, ob auf die heimischen Äcker oder zu Elefanten in Afrika: Überall sind die Tiere bedroht und brauchen unsere Unterstützung!

Daher möchte ich heute allen Menschen danken, die sich für Tiere einsetzen!

Welttierschutztag 2017

Es gibt so viele Möglichkeiten, sich für Tiere einzusetzen, jeder Tag bietet die Chance dazu. Selbst wenn Du noch nichts konkret tust, kannst Du ab jetzt umdenken, es ist nie zu spät. Du musst auch nicht alles ändern, es reicht doch schon, wenn Du einen ersten Schritt unternimmst und kein Billigfleisch mehr einkaufst. Oder auch nur weniger Fleisch isst, dafür aber welches in Demeter-Qualität (strengstes Bio-Siegel). Oder Du die Geranien in den Kompost wirfst und lieber insekten- und bienenfreundliche Pflanzen kaufst.

„Wann werden alle Tiere schießen lernen? Wann wird es für jeden Jäger gefährlich werden zu schießen? Wann werden Tiere wie Rebellen Gewehre stehlen, beiseite schaffen und sich im Schießen üben? Horntiere hätten es besonders gut, aber auch mit Zehen und mit Zähnen ließe sich auf Jäger schießen. Und wenn unschuldige Menschen dabei zu Schaden kämen? Aber wieviel unschuldige Tiere…!“ (Elias Canetti, 1966, aus: Über Tiere, Fischer 2017, S. 44)

Man muss natürlich nicht so radikal wie Canetti denken, es würde ja „reichen“, wenn Tiere nicht mehr mißhandelt und ausgebeutet werden würden…Aber das wird nicht machbar sein, wenn wir nicht die Stimme für sie erheben.

Bitte gib nicht auf! #gutmensch

Bitte gib nicht auf! Ich weiß, es ist hart. Ich weiß, es scheint oft sinnlos. Ich weiß, Du fühlst Dich oft alleine. Unter all diesen Ignoranten, Gutmensch-Hassern und selfiestickschwenkenden Egophilen.

Aber Du bist die einzige Hoffnung, die wir noch haben. In all dem Elend, das uns tagtäglich über diverse Mattscheiben oder Displays anspringt, bist Du ein Hoffnungsträger. Ein Leuchtturm. In Momenten, in denen ich nahe der Verzweiflung bin, lese ich von Dir und weiß, es gibt sie noch. Die sogenannten Gutmenschen. Es lohnt sich immer, sich dem Leid und der Not zu widersetzen und ist alles, nur nicht dumm. Im Gegenteil: Es ist das Wunderbarste und Klügste, was wir tun können, wir als sogenannte außergewöhnlich vernunftbegabte Wesen. Homo sapiens, das ist der weise Mensch, wie er sich selbst einst nannte, es muss ein Wunschdenken gewesen sein, das hier zum Ausdruck kam, wie einige unserer Handlungen nahelegen.

Unter 100 Meldungen, die von Gewalt, Terror und Unmenschlichkeit zeugen, findet sich gefühlt nur eine Meldung von Menschlichkeit und Mitgefühl – aber genau diese eine besitzt eine beinahe magische Macht, die die anderen 100, und wenn auch nur kurz, verblassen lassen und erträglicher machen kann. Wir brauchen Dich daher mehr als alles andere!

Du kämpfst für eine gute Sache und glaubst, es zeigt keine Wirkung? Manchmal muss es nicht die große oder sichtbare Veränderung sein, manchmal wirkt „das Gute“ im Verborgenen und Kleinen. Manchmal benötigt es einfach etwas Zeit, wirklich nachhaltige Veränderungen sind oft nicht sofort sichtbar, sondern reifen wie ein guter Käse oder Wein. Wichtig ist nur, dass Du daran glaubst, vertraue auf den Prozess. Der Rest kommt oft von alleine und geschieht im Unbewußten.

Auch wenn sich Dir keine Wirkung zeigt, kann es sein, dass Du z.B. mich neue Hoffnung und Kraft schöpfen lässt, obwohl Du es nicht mitbekommst. Also warte bitte nicht auf ein Zeichen und sei dann nicht enttäuscht, es gibt keinen Grund dazu…

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Wer jetzt meint, dies wäre esoterischer Quatsch oder naiv, der irrt. Leute, die verächtlich über Gutmenschen schimpfen, haben vielleicht schon die ein oder andere Enttäuschung erlebt. Manche von ihnen haben wiederum ein Menschenbild, das die Fremden pauschal verurteilt. Hinter all dem steckt aber Angst: Angst, wieder verletzt zu werden; Angst, benachteiligt zu werden. Aber dieses Bild ist sowieso schief und ungenau, denn es suggeriert, dass unsere Lieben uns nie enttäuschen, uns nie übervorteilen wollen, uns nie verletzen. Natürlich nie in einem Ausmaß, das wir nicht verkraften könnten, und wenn doch, dann trennen sich eben mal gemeinsame Wege. So ist das Leben. Aber im Kleinen passiert es doch ständig, dass wir unangenehme Aufgaben Anderen überlassen. Die Kaffeemaschine im Büro, die nach der Benutzung nicht gesäubert wird; der Müll, der achtlos in den Grünstreifen geworfen wird; der Wohnungsputz in der WG, der so lange aufgeschoben wird, bis der/die Reinlichste aufgibt und die Ärmel hochkrempelt. Der achtlos hingeworfene Satz, der mich verletzt und kränkt, obwohl er/sie es doch besser wissen müßte.

Dann aber gibt es noch diese schönen Momente, in denen Du in der Kaffeeküche versumpfst, weil Du Dich mit der sympathischen Kollegin unterhältst und darüber die Zeit vergißt. Dieser Moment, wenn Dein WG-Mitbewohner etwas Leckeres gekocht hat und Dich nach einem anstrengenden Tag einlädt. Dieser Moment, wenn Du unerwartet ein ernst gemeintes Kompliment erhältst, ein offenes Lächeln von einem Fremden, der Dir seinen Platz in der überfüllten Bahn anbietet. Dies sind die wahren Helden, die kein Dankeschön einfordern, sondern um das Auf und Ab wissen und ihren Teil dazu beitragen möchten, dass die Talfahrt nie zu lange andauert.

Viel zu oft fordern wir nur ein und wollen unsere Ansprüche erfüllt bekommen. Die höchsten Ansprüche sollen möglichst nichts kosten und bitteschön sofort befriedigt werden. Diese Konsumhaltung betrifft nahezu jeden Lebensbereich, alles muss schön sein, toll sein, Spaß machen. „Ästhetische“ Menschen ruinieren die Welt. Ohne Chemiekeulen sind Gurken hin und wieder angefressen oder Karotten verwachsen und erfordern mehr Mühe beim Schälen. Dass der Geschmack der „häßlichen“ Stücke die Arbeit mehr als belohnt, ist da zweitrangig.

Die Schlimmsten sind diejenigen, die sagen, es hat ja doch keinen Sinn, etwas ändern zu wollen. Ihnen ist bewußt, dass etwas falsch läuft, sie sind aber zu bequem, zweifeln zu viel oder haben resigniert, statt die Dinge in die Hand zu nehmen. Diejenigen, denen es egal ist oder die sogar bestreiten, dass wir Probleme haben, sind sowieso nur schwer erreichbar, wenn überhaupt – sie sind erst mal zu vernachlässigen. Nichts ist alternativlos, wir können sehr wohl etwas tun. Auch kleine Schritte führen zum Ziel, wie man sagt. Nicht jeder kann alles ändern oder die ganze Welt retten, aber viele können es sehr wohl! Würde sich nichts ändern, säßen wir noch in Höhlen und würden grunzen.

Beispiel: Wildtierverbote in Zirkussen. Vor wenigen Jahrzehnten noch hat sich darüber kaum einer den Kopf zerbrochen, geschweige denn daran gestört. Dass Tiere zu unserer Unterhaltung dienen sollten, war eine stillschweigende Annahme und noch ein relativ „harmloser“ Aspekt unserer Einstellung gegenüber nicht-menschlichen Tieren, vergleicht man es mit der Massentierhaltung und der anschließenden industriemäßigen Schlachtung, um nicht zu sagen das Gemetzel. Vielen Menschen ist jetzt bewußt geworden, dass diese Art des Umgangs mit Tieren nicht vertretbar ist und möchten dies nicht weiter unterstützen. Bisher ist das Verbot nur stellenweise kommunal umgesetzt worden: Städte wie Stuttgart, Heidelberg oder Ulm stellen keine öffentlichen Flächen mehr für Zirkusse mit Wildtieren (oder wenn dann nur mit Einschränkungen) bereit. Es macht Hoffnung zu sehen, dass sich etwas tut, wenn auch nur schleppend.

Die Frage drängt sich auf: Was wäre möglich, wenn wir daran glauben würden, etwas ändern zu können und es angingen, anstatt andauernd zu zweifeln?

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„Fast acht Milliarden Menschen, doch die Menschlichkeit fehlt…“ (Sido feat. Andreas Bourani: „Astronaut“)

 

Reiselust: Schluchsee und Wutachschlucht (Schwarzwald)

Im Hochschwarzwald finden sich einige schöne Ziele für eine Reise, hier soll es heute um den Schluchsee und die Wutachschlucht gehen (Beitragsfoto: Aufgenommen mit einem rosa Filter, der „rosaroten“ Brille sozusagen).

Schluchsee

Der größte See im Schwarzwald gilt als einer der saubersten Seen in Deutschland, er ist gute 5 Quadratkilometer groß, 7,5 km lang und 1,4 km breit. Der See war zu früheren Zeiten ein Gletschersee, mittlerweile ist er ein Stausee.

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An der Nordseite des Sees führt die Bahnlinie entlang, die in Seebrugg ihre Endstation hat. Der Parkplatz am Bahnhof Seebrugg ist somit ein guter Ausgangspunkt für die Schluchsee-Umrundung, die insgesamt 18 km umfasst (ca. 6 Stunden Gehzeit). Denn falls das Wetter oder die Lust und die eigenen Füße unterwegs nicht mehr mitspielen, besteht die Möglichkeit, ab Aha den Bummelzug über Schluchsee nach Seebrugg zurück zu nehmen. Jedenfalls wenn man ab Seebrugg südlich, mit dem Uhrzeiger um den See geht, es sind ab Aha nur wenige Minuten Fahrzeit im Zug. Unterwegs gibt es auch mehrere Einkehrmöglichkeiten, kurz nach dem Bahnhof Seebrugg z.B. ist ein Biergarten (nach Überquerung der Staumauer), auf der halben Strecke findet sich der Unterkrummenhof (http://www.unterkrummenhof.info/ – tolles Haus, schöne Aussicht und lecker!). Auf dieser Seeseite ist der Weg auch viel schöner, denn er führt am Wald entlang, während auf der Strecke zwischen Aha und Seebrugg eben die Gemeinden liegen.

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Rechts oben erkennt man noch Schneereste

Theoretisch könnte man also auch nur die „untere“ Seite im Süden entlanglaufen, im Unterkrummenhof einkehren, bis Aha zum Bahnhof laufen (dort gibt es auch einen Kiosk, falls der Zug nicht gleich kommt, kann man dort ein Eis schnabulieren) und dann den Zug zum Parkplatz am Bahnhof Seebrugg zurücknehmen – was wir praktisch ausgeführt haben und nicht bereuen. Zeitlich wäre diese Tour mit einer großzügigen Einkehr mit ca. 4 Stunden zu veranschlagen.

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Die weißen Stellen im Wald sind ebenfalls Schneereste

Die Wanderung fand Ende April statt, es lag sogar noch Schnee im Schwarzwald, daher war zu dieser Zeit wenig los; im Sommer sieht es sicherlich anders aus, das bitte in der Planung berücksichtigen.

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Kurz vor Aha, auf der anderen Seeseite angelangt

Am See findet der Naturfreund viele Möglichkeiten, tolle Beobachtungen zu machen. Dieses Gimpelpärchen war auf Nahrungssuche in den Bäumen am Ufer, die perfekte Kulisse für ein Foto. Das Licht hat auch gepasst, manchmal muss man eben Glück haben.

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Weiblicher Gimpel oder Dompfaff, am Ufer des Schluchsees

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Der farbenprächtigere männliche Gimpel, auch Dompfaff genannt

Der Schluchsee durch die rosarote Brille (bzw. Filter, folgendes Bild) sieht besonders verlockend aus, aber das hat er gar nicht nötig. Er ist auch ohne Filter ein lohnenswertes Ziel.

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Wutachschlucht

Für einen mehrtägigen Kurztrip in den Schwarzwald bietet sich der baden-württembergische Canyon als weiterer Programmpunkt an. Die Wutachschlucht ist allerdings nicht für jeden geeignet, da es teilweise hoch über dem Wasser entlang geht. Die Wege sind aber gut gesichert, d.h. für Leute mit einer milden Form von Höhenangst durchaus machbar. Ich bin selbst nicht schwindelfrei, allerdings kommt es für mich immer auf die spezielle Situation an. Man läuft selten direkt am Abhang, ein Geländer schützt vor Stürzen. Meistens sind Abstufungen oder Hänge vorhanden, nur selten steht man direkt am Abgrund, es gab nur eine Stelle, die ein bißchen für Herzklopfen gesorgt hatte. Mir fiel es aber leicht, mich zu überwinden, da die Wutachschlucht für ihre Schönheit und Biodiversität bekannt ist. Man sollte natürlich stets mit gutem Schuhwerk und Vorsicht bei geeignetem Wetter wandern gehen, dann sind die größten Risiken schon gebannt.

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Die Wutach am Kanadiersteg

Da ein Abschnitt der Wutachschlucht aufgrund eines Bergrutsches gesperrt war, musste man einen kleinen Umweg laufen. Startpunkt war die Wutachmühle, ein Parkplatz mit Kiosk, der vom Wanderbus angefahren wird (im Winter nicht). Falls man keine komplette Rundtour bis zum Auto zurück machen möchte, kann man also den Rückweg mit dem Bus bewältigen. Nun folgt man also dem beschilderten Weg bis zum Kanadiersteg (überdachte Holzbrücke), den man überquert, weil der Weg geradeaus eben gesperrt war (am besten vorher informieren, ob die Sperrung noch vorhanden ist).

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Im Wald: Frühlings-Platterbse

Der Weg führt noch ein Stück durch den Wald hinauf auf Feldwege um den Bergrutsch zu umgehen, nach ca. 1km geht es dann wieder Richtung Wald/Schlucht. Nach kurzer Zeit dann beginnt der Weg entlang den Felsen, es geht also hoch hinaus. Die Landschaft ist wunderschön, die klare Wutach weckt die Lust baden zu gehen oder noch ein wenig zu verweilen. Viele verschiedene Schmetterlinge tänzeln in der Luft, machen hin und wieder eine kleine Verschnaufpause auf einer bunten Blüte und stärken sich an ihr.

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Kleiner Kohlweißling

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Der Weg entlang der Wutach führt mal hoch über sie, an den Felsen entlang, mal unten am Wasser und ist dadurch abwechslungsreich. Ein erster Grill- bzw. Rastplatz ist an der Schurhammerhütte vorhanden (einer Schutzhütte), der zweite Rastplatz findet sich im ehemaligen Kurort Bad Boll. Übrig geblieben sind ein paar Mauerreste, eine Ruine auf dem Berg und eine halb verfallene Kapelle, die wohl wieder aufgebaut werden soll, zumindest sind Baugerüste installiert. Für Urbex/Lost Places-Fans ist diese Tour also besonders interessant.

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Wer nicht die ganze Tour bis zur Schattenmühle (oder noch weiter, der Schluchtensteig umfasst 118 km insgesamt) machen möchte oder kann, hat die Möglichkeit den Wanderbus zurück zu nehmen: Vom ehemaligen Bad Boll sind es ca. 1,3 km nach Boll, einem kleinen Örtchen und einer entsprechenden Haltestelle. Die Wartezeit kann man in einem Gasthaus versüßen (Öffnungszeiten siehe hier). Diese Strecke – von der Wutachmühle bis Boll – beträgt ca. 10 km.

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Nekrolog für den Winter

Ein Nekrolog für (Nachruf auf) den Winter. 19.03.2017

Der Winter ist in den letzten Zügen, wir hungern alle nach dem Frühling. Eigentlich ist es unüblich, einen Nachruf zu verfassen, wenn der Tote noch nicht tot ist. IMG_8837

Eigentlich vermissen wir ihn auch nicht, zumindest die Wenigsten. Wir sind froh, wenn er weg ist. Wir wollen doch alle, dass er geht.

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Wenn es ginge, würden sich wohl nicht Wenige finden lassen, die sogar noch nachhelfen würden. „Ich hasse Winter“, sagte erst letztens jemand in meiner Nähe. Aber woher dieser Hass? Was ist denn so schlimm daran?

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In einem Nekrolog würdigt man das „Lebenswerk“ eines Verstorbenen. All die Vorzüge, aber auch Macken und Fehler, werden noch einmal in Erinnerung gerufen. Es scheint beliebter zu sein, mit einem Augenzwinkern und viel Humor solch eine Rede zu verfassen.

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„Macken“ und „Fehler“ fallen mir zu Winter eher ein, daher habe ich mir mal Gedanken gemacht, was den Winter eigentlich liebenswert macht. Aber abseits von solchen Aktivitäten wie Skifahren, Schlittenfahren oder Schneemannbauen; ich glaube, das sind Charakterzüge, die viele nennen würden, also ungeeignet.

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Das großartige Lebenswerk des Winters ist für mich, dass er eine Ruhepause darstellt. Im Winter können wir endlich mal ohne schlechtes Gewissen ausruhen, eine ruhige Kugel schieben. Wenn es draußen so richtig ungemütlich und kalt ist, fühle ich mich daheim noch viel wohler. Dann zelebriere ich den Winter: Mit vielen Kerzen, Tee und Kuschelklamotten z.B. Der Winter sorgt dafür, dass wir Kraft tanken können.

Ohne Winter würden wir doch gar nicht so sehr nach Frühling hungern. Die Abwechslung macht es erst interessant. Ich kann mittlerweile jeder Jahreszeit etwas Gutes abgewinnen. Gäbe es nur Frühling und Sommer, wüßten wir die schöne, warme Jahreshälfte doch gar nicht zu schätzen. Mit dem Winter erst können wir uns wahrhaft freuen, wenn der Schnee schmilzt und die ersten Schneeglöckchen zu sehen sind. So wie Leid zum Leben gehört, ohne das Freude keine Freude wäre.

Wenn im Herbst die Blätter bunt werden und ällmählich zu Boden gleiten, wissen wir, der Winter ist nah. Herbst und Winter bedeuten immer auch Abschied. Loslassen – das muss man erstmal lernen. Hermann Hesse formulierte es so bezaubernd in seinem Gedicht Stufen: “ Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, […] Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.“ Weil Loslassen eben auch eine Befreiung ist. Neuanfänge ermöglicht. Weil auch der Schmerz gehen kann, wenn auch nur kurzzeitig. Ewig ist nur der Wechsel, der Wandel.

Mit solchen Augen ist der Frühling kostbarer, da eben nicht ewig während.

Eine (entspannende) Foto-Tour in die Vulkaneifel

Komm mit mir in die Vulkaneifel. Aber nimm Dir Zeit, mach es Dir davor bequem, falls Du das nicht sowieso schon getan hast. Gönn Dir diese kleine Auszeit bewußt. Ein ruhiges Plätzchen, an dem man nicht gestört wird, ist ideal. Dann atme ein paar Mal bewußt tief ein und aus. Komm erst mal richtig an…

Im Wald

Für ein audio-visuelles Erlebnis, empfehle ich solche Ambient Sounds, hier „Primeval Forest“: https://mynoise.net/NoiseMachines/primevalEuropeanForestSoundscapeGenerator.php (Hintergrund-Sound)

Oder wer lieber Musik mag, ich finde den Song „Fountain“ von iamamiwhoami perfekt: dazu: https://www.youtube.com/watch?v=bRazgMj_cfE (ist auch ein tolles Video)

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Wald am Holzmaar

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Riesige Baumpilze

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Viele verschiedene Moose sind im Wald zu sehen

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Manche Bäume sind regelrecht im Moos verschwunden

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Farn, eine der ältesten Pflanzen der Erde

Am Wasser

Ambient Sound, hier z.B. „Waterfall“: https://mynoise.net/NoiseMachines/waterSpringStreamNoiseGenerator.php

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Weinfelder Maar – Maare sind Vulkanseen

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Vulkankrater, im NSG Mosenberg, der einzige wassergefüllte nördlich der Alpen

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Am Bergkratersee (s.o.)

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Schalkenmehrener Maar

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Im Moseltal

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Möwen sind zahlreich an der Mosel

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Nilgans

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Wasserfälle bei Burg Pyrmont

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Burg Pyrmont

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Unten im Tal unter Burg Pyrmont

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Dieser Wasserfall befindet sich an dem Türmchen (links zu erahnen)

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Die märchenhafte Burg Eltz

 

Kraniche

Kranichrufe: http://www.vogelstimmen.de/html/content_link.php?link=www.xeno-canto.org/sounds/uploaded/ZNCDXTUOFL/XC124500-Grus_grus_Poland_Jarek_Matusiak_20130310-030.mp3

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Kraniche hört man schon von weitem, bevor man sie sieht…

 

Die Vulkaneifel war selbst jetzt, im Winter (Februar), sehr beeindruckend, ich hoffe, ich konnte es ein wenig vermitteln und euch erfreuen.

Bad Uracher Wasserfall

Wanderlust: Bad Uracher und Gütersteiner Wasserfälle

Bad Urach (Schwäbische Alb, Landkreis Reutlingen) ist ein kleiner, beschaulicher Ort. Die Wasserfälle sind eine beliebte Attraktion und 2016 ist der Wasserfallsteig sogar zu Deutschlands schönstem Wanderweg (Wandermagazin) gekürt worden. Eine gute Gelegenheit, einen Trip zu planen und sich einen Anlass zur Vorfreude zu schaffen!

Bad Uracher Wasserfall

Bad Uracher Wasserfall

Bad Urach ist ungefähr eine halbe Stunde (Auto) von Reutlingen entfernt. Für Wanderlustige dürfte das Städtchen nun in ganz Deutschland bekannt sein, denn dieses Jahr wurde der Wasserfallsteig zum schönsten Wanderweg gekürt. Liegt es vielleicht daran, dass man zu den Wasserfällen auch ohne kilometerlanges Wandern gelangt? Denn ungefähr 10 Minuten Fußweg sind es vom letzten Parkplatz (Maisental), keine steilen Anstiege, einfach nur das Tal entlang, am schönen Brühlbach.

Malerischer Fußweg zwischen Parkplatz und Wasserfall

Malerischer Fußweg zwischen Wasserfall und Maisental-Parkplatz

Die Wanderwege von Bad Urach sind laut Touristikseite bis 31. März nicht begehbar, wir sind damals sogar schon am 29. März gelaufen. Klar, es hängt natürlich vom Wetter ab, bei solchen milden Temperaturen wie wir sie hatten, geht es somit auch früher. So bietet es sich an bereits jetzt zu planen, vor allem die Leute, die eine längere Anfahrt haben. Das schönste ist es doch, durch frühzeitiges Planen die Vorfreude zu stimulieren. Zu sehen gibt es genug, die Landschaft ist wild-romantisch. Daher macht man sich besser vorher Gedanken, denn in der Region gibt es viele weitere schöne Landschaften und Sehenswürdigkeiten.

Beeindruckendes Wurzelwerk

Beeindruckendes Wurzelwerk nahe am Wasserfall

Wer möchte, kann danach auch noch die Ruine Hohenurach erkunden, die von den Wasserfällen aus bereits zu sehen ist.

Blick von den Wasserfällen zur Burgruine Hohenurach

Blick von den Wasserfällen zur Burgruine Hohenurach

Wir haben die Tour „modifiziert“: Die Wasserfälle liegen laut Beschreibung der Touristik-Webseite am Startpunkt, wir wollten sie dagegen als Highlight, am Ende des Weges, haben. Gestartet wird demnach nach dem Parkplatz rechter Hand, über das Vorwerk Güterstein mit seinen Stutfohlen (weibl. Fohlen), das zum Landgestüt Marbach gehört. Danach geht es hoch in den Wald, vorbei an den Gütersteiner Wasserfällen, die zwar kleiner sind, aber an Attraktivität nichts einbüßen. Bis auf die Albhochfläche hinauf, ist alles gut machbar, auch wenn man keine Sportskanone ist (zur Not einfach einen Gang zurückschalten).

Pferdekoppeln säumen den Wanderweg

Pferde sind fast allgegenwärtig (hier: Albhochfläche, Vorwerk Fohlenhof)

Oben auf der Albhochfläche sind weitere Außenstellen des Landgestüts, Pferdekoppeln sind nahezu allgegenwärtig. Für Pferdefreunde ist Bad Urach und die Umgebung ein wahres Paradies. Beim Vorwerk Fohlenhof, wo ebenfalls ein Teil der Fohlen aufgezogen wird, findet sich ein Grillplatz, für den kleinen Hunger zwischendurch. Es empfiehlt sich eine Jacke mitzunehmen, auch wenn die Sonne scheint, denn der Wind auf solchen Hochflächen setzt einem erfahrungsgemäß auch dann zu.

Ausblick von der Albhochfläche Richtung Hohenurach

Ausblick von der Albhochfläche am Rutschenfelsen in Richtung Hohenurach

Die Anstrengung lohnt sich spätestens am Ausblick Rutschenfelsen, den Kalkabbrüchen, von wo aus man das bezaubernde Panorama genießen kann. Geologisch bietet die schwäbische Alb verständlicherweise Einiges, wer sich besonders für diesen Aspekt interessiert, kann sich z. B. auf der Seite Geopark Schwäbische Alb weiter informieren (sowie weitere Anregungen für Ausflüge holen).

Der Rutschenfelsen

Der Rutschenfelsen

Wir waren ca. vier Stunden unterwegs, in gemütlichem Tempo und mit mehreren Pausen. Von der Strecke her müssten es in etwa 11 km sein, vom Anspruch her würde ich sie mittel bewerten.

Direkter Ausblick auf die Ruine Hohenurach

Direkter Ausblick vom Rutschenfelsen auf die Ruine Hohenurach

Das Wetter war geradezu perfekt Ende März (2014), nicht zu warm und nicht zu kalt, klarer Himmel und Sonnenschein. Aber ich bin sicher, selbst bei Wolken ist die Tour lohnenswert.

Der entlaubte Wald im Tal

Der entlaubte Wald im Tal

Über den Uracher Wasserfällen gibt es in der warmen Jahreshälfte die Möglichkeit zur Erfrischung und Stärkung an der bewirteten Wasserfallhütte. Man sitzt unter den Bäumen, im Grünen – Balsam für die Stadt-Seele.

Totholz mit Baumpilzen

Totholz mit Baumpilzen

Nach der Wasserfallhütte geht es dann zum absoluten Highlight, den Uracher Wasserfällen. Der höchste Wasserfall (37 m) der schwäbischen Alb ist ein angemessener Schlußpunkt und entläßt den Wanderer mit einem leisen Glücksgefühl.

Die Bad Uracher Wasserfälle sind die höchsten Wasserfälle der schwäbischen Alb

Die Bad Uracher Wasserfälle sind die höchsten Wasserfälle der schwäbischen Alb

Blick von den Wasserfällen Richtung Hohenurach

Blick von den Wasserfällen Richtung Hohenurach

Wurmlinger Kapelle

Schwarz-weiß Denken ist nur fürs Photographieren gut

Schwarzweiß-Photographie – eigentlich müsste sie Grauwertphotographie heißen – ist neben der Farbphotographie eine zusätzliche Ausdrucksform. Es kann nicht darum gehen, was besser oder schlechter ist, jede hat ihre eigenen Möglichkeiten. Schließlich würde auch niemand auf die Idee kommen und nur Ölmalerei als Mittel der Wahl bezeichnen.

Die Schnecke

Schwarzweiß-Photographie konzentriert sich aufs Wesentliche: besonders Strukturen, Formen und Muster sind geeignete Motive. Farbe „stört“ da nur und verwirrt den Blick. Zugleich ermöglicht sie eine Perspektive und Wahrnehmung, die der Mensch mit seinen Sinnen nicht erleben kann. Womöglich ist es diese ungewohnte Sicht auf die Welt, die den Menschen so reizt?

Wurmlinger Kapelle

Wurmlinger Kapelle

Es empfiehlt sich, Fotos zunächst in Farbe aufzunehmen und erst später am PC in s/w umzuwandeln (wir beschränken uns hier natürlich auf digitale Kameras). Daher ist es nötig, sich schon vorher das Motiv als s/w-Bild vorstellen zu können. Wer photographische Erfahrung hat, weiß bereits, dass die Kamera nie das wiedergibt, was man wahrgenommen hat. Daher ist es immer eine Frage von „Übersetzung“ und noch viel mehr von „Gestaltungswillen“, da jedes Bild ein konzentrierter und subjektiver Ausschnitt der Wirklichkeit ist.

Fingerhut

Fingerhut

Wie aber kann man sich das Schwarzweißdenken aneignen? Übung! lautet die schlichte Antwort. Ich persönlich habe viel probiert und getestet, habe mir also über die Zeit einen „Blick für Motive“ antrainiert. Das gilt verständlicherweise nicht nur für s/w, sondern ist sicherlich bei allen Photophilen für alle photographischen Ausdrucksmittel der Fall. Ein Tipp, den man auch immer wieder liest/hört: Sich Bilder anschauen, die einem gefallen. Dann kann man sich Gedanken machen, was genau gefällt mir? Wie wurde das Bild aufgenommen? In Fotoforen oder Tutorials sind die sogenannten Exif-Daten genau zu diesem Zweck angegeben. Exif-Daten sind die Metadaten einer Aufnahme, also Belichtungszeit, ISO, Blende usw. Darüber hinaus dient dies der Inspiration und man kann sehen, was überhaupt alles möglich und momentan beliebt ist.

Schmetterling (Wilhelma)

Aber am Ende zählt doch nur, was einem selbst gefällt und der kreative Photographierende erschafft auch stets neue Werke. Das schöne an der Photographie (altgriechisch phos/gen. photos – Licht, graphein – schreiben, malen, zeichnen -> also malen/zeichnen mit Licht) ist ohnehin, dass der Phantasie (fast) keine Grenzen gesetzt sind.

Seerose

Wer einmal begonnen hat, zu photographieren oder auch nur Motive zu suchen bzw. diese „umzudenken“, wird schnell feststellen, wie wenig man im Alltag eigentlich sieht. Erst wenn man konzentriert hinschaut, versucht, sich Dinge in s/w vorzustellen, bemerkt man, wie viele interessante Gegenstände, Formen, Strukturen, Gebäude, Landschaften (oder was auch immer) sich in direkter Umgebung finden. Selbst wenn Du Deine Kamera gerade nicht dabei hast, blick Dich um! Versuche auch im scheinbar Alltäglichen etwas Interessantes heraus zu filtern. Nicht nur beim Photographieren sollte man sich mit den Motiven auseinandersetzen.

Baum

Nicht nur die Motivwahl ist relevant, auch die technischen Feinheiten können experimentell und spielerisch variiert werden. Ein und dasselbe Motiv kann man mit verschiedener Brennweite, Blende, ISO, verschiedenen Schärfegraden und -arten (Schärfentiefe, Bewegungsschärfe, Motivschärfe – Nebel usw.) ablichten. Oder die Perspektive wechseln: Vogel- oder Froschperspektive sind die Extrempole zur Normalperspektive (frontal). Das ist der Vorteil der digitalen Photographie: Zigtausende Bilder könnte man theoretisch machen…

Farbe oder Schwarzweiß?

Farbe oder Schwarzweiß?

Während das farbige Bild eher positiv wirkt, wirken solche s/w-Himmel oft düster und dramatisch. Die Wahl ist also auch von der gewünschten „Aussage“ abhängig.

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Beispiel für Motiv(un)schärfe: der Nebel sorgt für geringe Schärfe.

Spielerisches Lernen, Testen und Experimentieren ist der Weg, um seine Photos immer weiter zu entwickeln und die Fähigkeiten zu vertiefen. Wem das keinen Spaß macht, sollte die Kamera eventuell auch einfach einem „wahren“ Photographiebegeisterten schenken. In diesem Sinne, ich bin dann mal eben lichtmalen…

Beppo entspannt

ASMR: Entspannung durch Flüstern, Knistern, Knittern, Schnurren

Immer nach dem Frisör war ich tiefenentspannt. Oder in einer Bibliothek. Mit einer schnurrenden Katze auf dem Schoß. In einer medizinischen Untersuchung oder während einer Studienteilnahme. Als ich dann zum ersten Mal mit ASMR in Kontakt kam, war es wie eine Erleuchtung. Plötzlich war alles so klar und hatte einen Namen.

ASMR: Autonomous Sensory Meridian Response, das sind „angenehme körperliche und emotionale Empfindungen (sogenannte Tingles)“, die durch „bestimmte Sinnesreize (sogenannte Trigger)“ ausgelöst werden (Quelle: ADHSpedia). Es ist wieder mal ein digitales Phänomen bzw. Hype, auf Youtube und Co. sprießen die ASMR-Artists und Kanäle wie Pilze nach einem Regenschauer. Entspannung und Einschlafhilfen sind gefragt wie nie, möchte man meinen. Auf Youtube bietet die Suche mehr als 5,8 Millionen Ergebnisse, da ist für jeden Geschmack etwas dabei. Wer entsprechend viel Zeit hat, kann sich sogar 10 Stunden lang berieseln lassen:

Screenshot von

Screenshot von „MassageASMR“s Video (Youtube)

Aber längst nicht Jede/r ist wohl dazu fähig, jenes wohlige Kribbeln, die Schauer am ganzen Körper oder sogar tranceähnliche Zustände zu erspüren bzw. zu erreichen. Meiner Erfahrung nach, gilt es das Passende für sich zu finden (daher nicht gleich aufgeben!), da jeder Mensch auf andere Trigger reagiert. Noch besser wirken die Videos oder Audios mit Kopfhörern.

ASMR ist Neuland für die Forschung

Da das Phänomen erst seit wenigen Jahren im Netz richtig populär geworden ist, gibt es bisher kaum noch Untersuchungen dazu. Das Gefühl kannten viele Empfängliche davor, aber erst durch die Verbreitung und Diskussion im Internet konnten es viele konkret benennen und fassen, so wie ich auch.

Die Pionier-Studie von Tom Dnetto (2014) befasste sich mit dem Thema und identifizierte u.a. die beliebtesten Trigger: Flüstern, persönliche Zuwendung, (simulierte) Gesichtsmassagen. Schon im Titel der Studie postuliert Dnetto, dass es sich bei ASMR um teils Flow-ähnliche Zustände handeln könnte. ASMR kann wohl auch bei Depressionen und Angststörungen helfen: Dnetto vermutet, dass der Konsum von Videos oder Audios – vor allem das bewußte Sich-Zeit-Nehmen und konzentrierte Ansehen/Hören – Achtsamkeitsübungen oder Meditation gleicht. Der Fokus auf die positiven Gefühle durch ASMR könnte die Verbesserung der Stimmung insgesamt bei einigen Befragten erklären. Zugleich verspricht ASMR also auch therapeutischen Nutzen, wobei interessant ist, dass manche Patienten sich bereits „selbst heilen“, während Wissenschaftler sich dagegen noch staunend damit auseinandersetzen.

Videos

Auswählen kann man z.B. aus kaum hörbarem/verstehbarem Geflüster, Rollenspielen (z.B. Lara Croft, X-Men uvm.), Wiederholen von bestimmten Silben oder Worten, Kratzen und anderen Geräuschen (Tappen, Kratzen, Bürsten…), Katzenschnurren, Massagen, Handarbeiten (z.B. mit „kinetic sand“ – Sandknete), Arbeiten  im Zen-Garten, Doodling (Zeichnen) usw…Der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt, viele der Produzenten sind sehr kreativ und innovativ und daher erweitert sich das Angebot ständig um teils überraschende Genres (Was aktuelles, völlig verrücktes zu Thanksgiving: Truthahn Massage).

ASMR Doodling (Zeichnen)

ASMR Doodling (Zeichnen)

Audio

Ich nutze solche Geräuschkulissen auch gerne zur besseren Konzentration bzw. zur „Auto-Konditionierung“ zum Lernen/Arbeiten. Manchmal fällt es mir schwer, mich auf meine Aufgaben zu konzentrieren, deswegen sind solche „Tricks“ ganz hilfreich. Wer ASMR auch lediglich durch das Ohr erfahren möchte, kann z.B. den Noise Generator (www.MyNoise.net) nutzen.

Noise Generator: www.myNoise.net

Noise Generator: http://www.myNoise.net

Fazit: Ich finde ASMR wirklich sehr hilfreich und entspannend, möchte es euch also ans Herz legen und empfehlen – vor allem natürlich denjenigen, die es bisher nicht kennen. Aber Vorsicht: es besteht Suchtgefahr…

Resi

Cat-Content oder: Die Kunst, sich nicht beirren zu lassen

Phänomen Cat Content

Das Internet wird regiert von Katzenvideos und anderem ‚Cat-Content‘, zu deutsch: „Inhalte, die Katzen thematisieren“. Es gibt mittlerweile einen entsprechenden Wikipedia-Artikel für das Phänomen; 2016 fand sogar zum ersten Mal das Internet Cat Video Festival in Düsseldorf statt; laut Wortfeld definierte der Duden (2004) ein Weblog, kurz ein Blog, als „Internettagebuch mit Katzenbildern“.

Es gibt vermutlich nicht einen Menschen, der noch nie Cat Content gesehen hat. Wie populär (und gewinnträchtig) das Phänomen ist, zeigt auch die Tatsache, dass Katzen verstärkt in Werbung als Sympathieträger dienen sollen: BonprixÜberfliegerIkea, Toyota, Top 10 bei Horizont.

Feline Prominenz, wie Grumpy Cat, Venus – The Two-Faced Cat oder Choupette Lagerfeld – Grumpy Cat wurde sogar in Wachs bei Madame Tussaud (San Francisco) und in einem Film verewigt – versammelt Massen von Fans um sich und generiert nebenbei wohl nicht unerhebliche Einnahmen.

Auch merkwürdige Reaktionen auf Salatgurken werden seuchenartig verbreitet, knapp zweistündige Videosammlungen erreichen millionenfache Klickzahlen, auf das politische Zeitgeschehen (amerikanische Präsidentenwahl) wird durch Katzenbesitzer bildstark und humorvoll rekurriert (Trump your Cat, Frisur von Trump an Katzen).

Von Katzen und Menschen

Katzen sind allgegenwärtig und universell einsetzbar: Während das Internet bekanntlich von kurzlebigen Hypes beherrscht wird, bleiben die Sympathieträger Katzen dagegen erstaunlich beliebt – durch die Zeiten. Ein Blick in entsprechende Publikationen zeigt, dass diese Katzen-Manie kein rein digitales Phänomen ist, sondern auch schon im Zeitalter der Hieroglyphen und Pharaonen bekannt war. Im alten Ägypten wurde die Göttin Bastet, Tochter des Sonnengottes, in Katzengestalt dargestellt. Wer Katzen tötete, soll damals selbst mit dem Ableben bestraft worden sein. Starb eine Katze im Haus, rasierte man sich die Augenbrauen ab und ließ sie einbalsamieren, berichtet Herodot (Absatz 66/67, 2. Buch).

Die christliche Verfolgung von Katzen dagegen zeigt, wie bewegt das Leben mit den Raubtieren war und wie kulturspezifisch das Phänomen ist. Im Abendland sind viele Tiere, auch Fledermäuse beispielsweise, eher Symbol für Unglück und das Böse (Gefährten des Teufels, Dracula, Vampire usw.). In Asien sind diese Tiere oftmals positiv besetzt. Maneki-neko dürfte vom Begriff her den wenigsten etwas sagen, die winkende Katze aber kennen sicher viele Leute:

Katzen in der analogen (Konsum-)Welt

Aus Japan kommen immer wieder schillernde Trends, so auch Katzenbars, Hello Kitty oder ein Übersetzungsgerät für die miauenden Mitbewohner. Tierhalter mit dem entsprechenden Kleingeld können sich sogar gemeinsam betrinken, es gibt Katzen (- und auch Hundewein). Die Getränke enthalten selbstverständlich keinen Alkohol, sondern Katzenminze, womit sich Vierbeiner auf ungefährliche Weise berauschen können. Diese Beispiele als Vertreter schier unbegrenzter Konsummöglichkeiten sind sicher kein Phänomen, das auf Katzen beschränkt wäre, sondern Ausdruck der globalen Wirtschaft und den schier unbegrenzt scheinenden Wertschöpfungspotenzialen. Wovon Alchimisten zu allen Zeiten geträumt hatten – der Umwandlung wertlosen Metalls zu Gold – scheint nun Realität geworden zu sein.

Die Kunst, sich nicht beirren zu lassen

Der asiatische Aberglaube, Katzen brächten Wohlstand (Maneki-neko), dürfte sich für die jeweiligen Unternehmer – also z.B. dem „Frauchen“ von Grumpy Cat (rund 100 Millionen Dollar sollen es sein) – bewahrheitet haben. Frühere (analoge) Unternehmensberater oder Kreditgeber hätten insgeheim wohl die psychische Gesundheit von solchen Menschen angezweifelt. Bei vielen Pionieren findet sich zu Beginn eine wahnwitzig wirkende Idee, die gegen Widerstände aller Art verteidigt werden muss. Bei digitalen Hypes dagegen wirkt es oft wie ein Selbstläufer, der nur eine gewisse Schwelle erreichen muss, um vollends einzuschlagen.

Für uns Konsumenten gilt es dagegen, ungeachtet der erschlagenden Masse an Cat Content, nicht das Wesentliche aus den Augen zu verlieren.

Beppo posiert wie ein Profi

Beppo posiert wie ein Profi

Ursachenforschung

Warum sind die Leute bloß so verrückt nach Katzen? Beim Handelsblatt argumentiert man so: „Im Netz erzielen Katzenvideos oft Millionenaufrufe. Kein Wunder: fast 13 Millionen Katzen haben deutsche Bürger bei sich aufgenommen. Das erklärt auch den Social-Media-Hype um so manch eine Katze.“ Aha. Erklärt das überhaupt etwas? Leute mögen Katzen im Netz, weil sie welche daheim haben? Beim Lokalkompass kommt der Autor zum Schluß, dass Cat Content für einen hohen Aktivierungsgrad sorge, also viele positive Gefühle oder kurz Wohlbefinden. Der Autor von Horizont befragte einen Medienpsychologen, der Katzen mit Schokolade und Kindern vergleicht: Beides mögen Menschen instinktiv, im Internet könne man Cat Content sich häppchenweise einverleiben (sogenanntes Mood Management wird also betrieben). Das klingt schon eher plausibel, wie ich finde. Und N24 bringt es für mich kurz und knapp auf den Punkt: „Wieso gerade Katzen? Weil sie anders sind als alle anderen Tiere“. Das Kindchenschema allein reiche nicht aus, das hätten andere Tiere ja auch zu bieten, wie  nachvollziehbar argumentiert wird. Katzen seien nicht so „langweilig“ wie andere Haustiere und hätten viele erstaunliche Eigenschaften. Das übliche Pokerface von Katzen ist nur selten durchschaubar, daher seien solche „seltenen Momente“ kostbar. Im Netz finden sich aber meiner Erfahrung nach nicht nur aussergewöhnliche Videos, sondern ganz oft auch einfach alltägliches Verhalten, daher würde ich jenes Argument eher ablehnen. Das Mysterium Katze sei eine geeignete Projektionsfläche für den Menschen oder verzerrtes Spiegelbild ihrer selbst, heißt es weiter. Ja, die meisten Menschen möchten sicherlich auch unverwechselbare Charakterköpfe, frei und unabhängig sein. Hübsch, elegant und graziös sein. Mehrere Leben haben, von allen geliebt werden. Und: Den Menschen glauben machen, er beherrsche uns und nicht umgekehrt.

 

Für Katzenfans oder eigene Nachforschungen hier noch einige Links:

Cat-Content beim Hessischen Rundfunk in den 70ern

Kontrovers diskutierte Seite: Cats That Look Like Hitler!

Kunst: Katzmonauten

Misao und Fukumaru (alte Frau und ihre ungewöhnliche Katze, Fotografien von Miyoko Ihara)

Fotografien von der Katzeninsel in Japan (Fubirai)

„Bergsteigende“ Katze (englisch)

Katzenschnurren – NoiseGenerator

Zeichentrick: Simon´s Cat

Lustige Katzenbilder: lolcats

Katzenvideos mit zufälliger Musik: Procatinator

Netzkultur: Nyan Cat