Bitte gib nicht auf! #gutmensch

Bitte gib nicht auf! Ich weiß, es ist hart. Ich weiß, es scheint oft sinnlos. Ich weiß, Du fühlst Dich oft alleine. Unter all diesen Ignoranten, Gutmensch-Hassern und selfiestickschwenkenden Egophilen.

Aber Du bist die einzige Hoffnung, die wir noch haben. In all dem Elend, das uns tagtäglich über diverse Mattscheiben oder Displays anspringt, bist Du ein Hoffnungsträger. Ein Leuchtturm. In Momenten, in denen ich nahe der Verzweiflung bin, lese ich von Dir und weiß, es gibt sie noch. Die sogenannten Gutmenschen. Es lohnt sich immer, sich dem Leid und der Not zu widersetzen und ist alles, nur nicht dumm. Im Gegenteil: Es ist das Wunderbarste und Klügste, was wir tun können, wir als sogenannte außergewöhnlich vernunftbegabte Wesen. Homo sapiens, das ist der weise Mensch, wie er sich selbst einst nannte, es muss ein Wunschdenken gewesen sein, das hier zum Ausdruck kam, wie einige unserer Handlungen nahelegen.

Unter 100 Meldungen, die von Gewalt, Terror und Unmenschlichkeit zeugen, findet sich gefühlt nur eine Meldung von Menschlichkeit und Mitgefühl – aber genau diese eine besitzt eine beinahe magische Macht, die die anderen 100, und wenn auch nur kurz, verblassen lassen und erträglicher machen kann. Wir brauchen Dich daher mehr als alles andere!

Du kämpfst für eine gute Sache und glaubst, es zeigt keine Wirkung? Manchmal muss es nicht die große oder sichtbare Veränderung sein, manchmal wirkt „das Gute“ im Verborgenen und Kleinen. Manchmal benötigt es einfach etwas Zeit, wirklich nachhaltige Veränderungen sind oft nicht sofort sichtbar, sondern reifen wie ein guter Käse oder Wein. Wichtig ist nur, dass Du daran glaubst, vertraue auf den Prozess. Der Rest kommt oft von alleine und geschieht im Unbewußten.

Auch wenn sich Dir keine Wirkung zeigt, kann es sein, dass Du z.B. mich neue Hoffnung und Kraft schöpfen lässt, obwohl Du es nicht mitbekommst. Also warte bitte nicht auf ein Zeichen und sei dann nicht enttäuscht, es gibt keinen Grund dazu…

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Wer jetzt meint, dies wäre esoterischer Quatsch oder naiv, der irrt. Leute, die verächtlich über Gutmenschen schimpfen, haben vielleicht schon die ein oder andere Enttäuschung erlebt. Manche von ihnen haben wiederum ein Menschenbild, das die Fremden pauschal verurteilt. Hinter all dem steckt aber Angst: Angst, wieder verletzt zu werden; Angst, benachteiligt zu werden. Aber dieses Bild ist sowieso schief und ungenau, denn es suggeriert, dass unsere Lieben uns nie enttäuschen, uns nie übervorteilen wollen, uns nie verletzen. Natürlich nie in einem Ausmaß, das wir nicht verkraften könnten, und wenn doch, dann trennen sich eben mal gemeinsame Wege. So ist das Leben. Aber im Kleinen passiert es doch ständig, dass wir unangenehme Aufgaben Anderen überlassen. Die Kaffeemaschine im Büro, die nach der Benutzung nicht gesäubert wird; der Müll, der achtlos in den Grünstreifen geworfen wird; der Wohnungsputz in der WG, der so lange aufgeschoben wird, bis der/die Reinlichste aufgibt und die Ärmel hochkrempelt. Der achtlos hingeworfene Satz, der mich verletzt und kränkt, obwohl er/sie es doch besser wissen müßte.

Dann aber gibt es noch diese schönen Momente, in denen Du in der Kaffeeküche versumpfst, weil Du Dich mit der sympathischen Kollegin unterhältst und darüber die Zeit vergißt. Dieser Moment, wenn Dein WG-Mitbewohner etwas Leckeres gekocht hat und Dich nach einem anstrengenden Tag einlädt. Dieser Moment, wenn Du unerwartet ein ernst gemeintes Kompliment erhältst, ein offenes Lächeln von einem Fremden, der Dir seinen Platz in der überfüllten Bahn anbietet. Dies sind die wahren Helden, die kein Dankeschön einfordern, sondern um das Auf und Ab wissen und ihren Teil dazu beitragen möchten, dass die Talfahrt nie zu lange andauert.

Viel zu oft fordern wir nur ein und wollen unsere Ansprüche erfüllt bekommen. Die höchsten Ansprüche sollen möglichst nichts kosten und bitteschön sofort befriedigt werden. Diese Konsumhaltung betrifft nahezu jeden Lebensbereich, alles muss schön sein, toll sein, Spaß machen. „Ästhetische“ Menschen ruinieren die Welt. Ohne Chemiekeulen sind Gurken hin und wieder angefressen oder Karotten verwachsen und erfordern mehr Mühe beim Schälen. Dass der Geschmack der „häßlichen“ Stücke die Arbeit mehr als belohnt, ist da zweitrangig.

Die Schlimmsten sind diejenigen, die sagen, es hat ja doch keinen Sinn, etwas ändern zu wollen. Ihnen ist bewußt, dass etwas falsch läuft, sie sind aber zu bequem, zweifeln zu viel oder haben resigniert, statt die Dinge in die Hand zu nehmen. Diejenigen, denen es egal ist oder die sogar bestreiten, dass wir Probleme haben, sind sowieso nur schwer erreichbar, wenn überhaupt – sie sind erst mal zu vernachlässigen. Nichts ist alternativlos, wir können sehr wohl etwas tun. Auch kleine Schritte führen zum Ziel, wie man sagt. Nicht jeder kann alles ändern oder die ganze Welt retten, aber viele können es sehr wohl! Würde sich nichts ändern, säßen wir noch in Höhlen und würden grunzen.

Beispiel: Wildtierverbote in Zirkussen. Vor wenigen Jahrzehnten noch hat sich darüber kaum einer den Kopf zerbrochen, geschweige denn daran gestört. Dass Tiere zu unserer Unterhaltung dienen sollten, war eine stillschweigende Annahme und noch ein relativ „harmloser“ Aspekt unserer Einstellung gegenüber nicht-menschlichen Tieren, vergleicht man es mit der Massentierhaltung und der anschließenden industriemäßigen Schlachtung, um nicht zu sagen das Gemetzel. Vielen Menschen ist jetzt bewußt geworden, dass diese Art des Umgangs mit Tieren nicht vertretbar ist und möchten dies nicht weiter unterstützen. Bisher ist das Verbot nur stellenweise kommunal umgesetzt worden: Städte wie Stuttgart, Heidelberg oder Ulm stellen keine öffentlichen Flächen mehr für Zirkusse mit Wildtieren (oder wenn dann nur mit Einschränkungen) bereit. Es macht Hoffnung zu sehen, dass sich etwas tut, wenn auch nur schleppend.

Die Frage drängt sich auf: Was wäre möglich, wenn wir daran glauben würden, etwas ändern zu können und es angingen, anstatt andauernd zu zweifeln?

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„Fast acht Milliarden Menschen, doch die Menschlichkeit fehlt…“ (Sido feat. Andreas Bourani: „Astronaut“)

 

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Nekrolog für den Winter

Ein Nekrolog für (Nachruf auf) den Winter. 19.03.2017

Der Winter ist in den letzten Zügen, wir hungern alle nach dem Frühling. Eigentlich ist es unüblich, einen Nachruf zu verfassen, wenn der Tote noch nicht tot ist. IMG_8837

Eigentlich vermissen wir ihn auch nicht, zumindest die Wenigsten. Wir sind froh, wenn er weg ist. Wir wollen doch alle, dass er geht.

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Wenn es ginge, würden sich wohl nicht Wenige finden lassen, die sogar noch nachhelfen würden. „Ich hasse Winter“, sagte erst letztens jemand in meiner Nähe. Aber woher dieser Hass? Was ist denn so schlimm daran?

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In einem Nekrolog würdigt man das „Lebenswerk“ eines Verstorbenen. All die Vorzüge, aber auch Macken und Fehler, werden noch einmal in Erinnerung gerufen. Es scheint beliebter zu sein, mit einem Augenzwinkern und viel Humor solch eine Rede zu verfassen.

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„Macken“ und „Fehler“ fallen mir zu Winter eher ein, daher habe ich mir mal Gedanken gemacht, was den Winter eigentlich liebenswert macht. Aber abseits von solchen Aktivitäten wie Skifahren, Schlittenfahren oder Schneemannbauen; ich glaube, das sind Charakterzüge, die viele nennen würden, also ungeeignet.

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Das großartige Lebenswerk des Winters ist für mich, dass er eine Ruhepause darstellt. Im Winter können wir endlich mal ohne schlechtes Gewissen ausruhen, eine ruhige Kugel schieben. Wenn es draußen so richtig ungemütlich und kalt ist, fühle ich mich daheim noch viel wohler. Dann zelebriere ich den Winter: Mit vielen Kerzen, Tee und Kuschelklamotten z.B. Der Winter sorgt dafür, dass wir Kraft tanken können.

Ohne Winter würden wir doch gar nicht so sehr nach Frühling hungern. Die Abwechslung macht es erst interessant. Ich kann mittlerweile jeder Jahreszeit etwas Gutes abgewinnen. Gäbe es nur Frühling und Sommer, wüßten wir die schöne, warme Jahreshälfte doch gar nicht zu schätzen. Mit dem Winter erst können wir uns wahrhaft freuen, wenn der Schnee schmilzt und die ersten Schneeglöckchen zu sehen sind. So wie Leid zum Leben gehört, ohne das Freude keine Freude wäre.

Wenn im Herbst die Blätter bunt werden und ällmählich zu Boden gleiten, wissen wir, der Winter ist nah. Herbst und Winter bedeuten immer auch Abschied. Loslassen – das muss man erstmal lernen. Hermann Hesse formulierte es so bezaubernd in seinem Gedicht Stufen: “ Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, […] Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.“ Weil Loslassen eben auch eine Befreiung ist. Neuanfänge ermöglicht. Weil auch der Schmerz gehen kann, wenn auch nur kurzzeitig. Ewig ist nur der Wechsel, der Wandel.

Mit solchen Augen ist der Frühling kostbarer, da eben nicht ewig während.

Resi

Cat-Content oder: Die Kunst, sich nicht beirren zu lassen

Phänomen Cat Content

Das Internet wird regiert von Katzenvideos und anderem ‚Cat-Content‘, zu deutsch: „Inhalte, die Katzen thematisieren“. Es gibt mittlerweile einen entsprechenden Wikipedia-Artikel für das Phänomen; 2016 fand sogar zum ersten Mal das Internet Cat Video Festival in Düsseldorf statt; laut Wortfeld definierte der Duden (2004) ein Weblog, kurz ein Blog, als „Internettagebuch mit Katzenbildern“.

Es gibt vermutlich nicht einen Menschen, der noch nie Cat Content gesehen hat. Wie populär (und gewinnträchtig) das Phänomen ist, zeigt auch die Tatsache, dass Katzen verstärkt in Werbung als Sympathieträger dienen sollen: BonprixÜberfliegerIkea, Toyota, Top 10 bei Horizont.

Feline Prominenz, wie Grumpy Cat, Venus – The Two-Faced Cat oder Choupette Lagerfeld – Grumpy Cat wurde sogar in Wachs bei Madame Tussaud (San Francisco) und in einem Film verewigt – versammelt Massen von Fans um sich und generiert nebenbei wohl nicht unerhebliche Einnahmen.

Auch merkwürdige Reaktionen auf Salatgurken werden seuchenartig verbreitet, knapp zweistündige Videosammlungen erreichen millionenfache Klickzahlen, auf das politische Zeitgeschehen (amerikanische Präsidentenwahl) wird durch Katzenbesitzer bildstark und humorvoll rekurriert (Trump your Cat, Frisur von Trump an Katzen).

Von Katzen und Menschen

Katzen sind allgegenwärtig und universell einsetzbar: Während das Internet bekanntlich von kurzlebigen Hypes beherrscht wird, bleiben die Sympathieträger Katzen dagegen erstaunlich beliebt – durch die Zeiten. Ein Blick in entsprechende Publikationen zeigt, dass diese Katzen-Manie kein rein digitales Phänomen ist, sondern auch schon im Zeitalter der Hieroglyphen und Pharaonen bekannt war. Im alten Ägypten wurde die Göttin Bastet, Tochter des Sonnengottes, in Katzengestalt dargestellt. Wer Katzen tötete, soll damals selbst mit dem Ableben bestraft worden sein. Starb eine Katze im Haus, rasierte man sich die Augenbrauen ab und ließ sie einbalsamieren, berichtet Herodot (Absatz 66/67, 2. Buch).

Die christliche Verfolgung von Katzen dagegen zeigt, wie bewegt das Leben mit den Raubtieren war und wie kulturspezifisch das Phänomen ist. Im Abendland sind viele Tiere, auch Fledermäuse beispielsweise, eher Symbol für Unglück und das Böse (Gefährten des Teufels, Dracula, Vampire usw.). In Asien sind diese Tiere oftmals positiv besetzt. Maneki-neko dürfte vom Begriff her den wenigsten etwas sagen, die winkende Katze aber kennen sicher viele Leute:

Katzen in der analogen (Konsum-)Welt

Aus Japan kommen immer wieder schillernde Trends, so auch Katzenbars, Hello Kitty oder ein Übersetzungsgerät für die miauenden Mitbewohner. Tierhalter mit dem entsprechenden Kleingeld können sich sogar gemeinsam betrinken, es gibt Katzen (- und auch Hundewein). Die Getränke enthalten selbstverständlich keinen Alkohol, sondern Katzenminze, womit sich Vierbeiner auf ungefährliche Weise berauschen können. Diese Beispiele als Vertreter schier unbegrenzter Konsummöglichkeiten sind sicher kein Phänomen, das auf Katzen beschränkt wäre, sondern Ausdruck der globalen Wirtschaft und den schier unbegrenzt scheinenden Wertschöpfungspotenzialen. Wovon Alchimisten zu allen Zeiten geträumt hatten – der Umwandlung wertlosen Metalls zu Gold – scheint nun Realität geworden zu sein.

Die Kunst, sich nicht beirren zu lassen

Der asiatische Aberglaube, Katzen brächten Wohlstand (Maneki-neko), dürfte sich für die jeweiligen Unternehmer – also z.B. dem „Frauchen“ von Grumpy Cat (rund 100 Millionen Dollar sollen es sein) – bewahrheitet haben. Frühere (analoge) Unternehmensberater oder Kreditgeber hätten insgeheim wohl die psychische Gesundheit von solchen Menschen angezweifelt. Bei vielen Pionieren findet sich zu Beginn eine wahnwitzig wirkende Idee, die gegen Widerstände aller Art verteidigt werden muss. Bei digitalen Hypes dagegen wirkt es oft wie ein Selbstläufer, der nur eine gewisse Schwelle erreichen muss, um vollends einzuschlagen.

Für uns Konsumenten gilt es dagegen, ungeachtet der erschlagenden Masse an Cat Content, nicht das Wesentliche aus den Augen zu verlieren.

Beppo posiert wie ein Profi

Beppo posiert wie ein Profi

Ursachenforschung

Warum sind die Leute bloß so verrückt nach Katzen? Beim Handelsblatt argumentiert man so: „Im Netz erzielen Katzenvideos oft Millionenaufrufe. Kein Wunder: fast 13 Millionen Katzen haben deutsche Bürger bei sich aufgenommen. Das erklärt auch den Social-Media-Hype um so manch eine Katze.“ Aha. Erklärt das überhaupt etwas? Leute mögen Katzen im Netz, weil sie welche daheim haben? Beim Lokalkompass kommt der Autor zum Schluß, dass Cat Content für einen hohen Aktivierungsgrad sorge, also viele positive Gefühle oder kurz Wohlbefinden. Der Autor von Horizont befragte einen Medienpsychologen, der Katzen mit Schokolade und Kindern vergleicht: Beides mögen Menschen instinktiv, im Internet könne man Cat Content sich häppchenweise einverleiben (sogenanntes Mood Management wird also betrieben). Das klingt schon eher plausibel, wie ich finde. Und N24 bringt es für mich kurz und knapp auf den Punkt: „Wieso gerade Katzen? Weil sie anders sind als alle anderen Tiere“. Das Kindchenschema allein reiche nicht aus, das hätten andere Tiere ja auch zu bieten, wie  nachvollziehbar argumentiert wird. Katzen seien nicht so „langweilig“ wie andere Haustiere und hätten viele erstaunliche Eigenschaften. Das übliche Pokerface von Katzen ist nur selten durchschaubar, daher seien solche „seltenen Momente“ kostbar. Im Netz finden sich aber meiner Erfahrung nach nicht nur aussergewöhnliche Videos, sondern ganz oft auch einfach alltägliches Verhalten, daher würde ich jenes Argument eher ablehnen. Das Mysterium Katze sei eine geeignete Projektionsfläche für den Menschen oder verzerrtes Spiegelbild ihrer selbst, heißt es weiter. Ja, die meisten Menschen möchten sicherlich auch unverwechselbare Charakterköpfe, frei und unabhängig sein. Hübsch, elegant und graziös sein. Mehrere Leben haben, von allen geliebt werden. Und: Den Menschen glauben machen, er beherrsche uns und nicht umgekehrt.

 

Für Katzenfans oder eigene Nachforschungen hier noch einige Links:

Cat-Content beim Hessischen Rundfunk in den 70ern

Kontrovers diskutierte Seite: Cats That Look Like Hitler!

Kunst: Katzmonauten

Misao und Fukumaru (alte Frau und ihre ungewöhnliche Katze, Fotografien von Miyoko Ihara)

Fotografien von der Katzeninsel in Japan (Fubirai)

„Bergsteigende“ Katze (englisch)

Katzenschnurren – NoiseGenerator

Zeichentrick: Simon´s Cat

Lustige Katzenbilder: lolcats

Katzenvideos mit zufälliger Musik: Procatinator

Netzkultur: Nyan Cat

 

 

 

Synapsen konditionieren

Basstölpel mit Nistmaterial

Basstölpel mit Nistmaterial

Vor einem Jahr endete meine Reise in Helgoland, nach drei Monaten Sonne, Strand und Natur. Die Düne mit ihren langen, fast menschenleeren Stränden, bevölkert von Vögeln und Seehunden/Kegelrobben stattdessen, ist mittlerweile fest in meinem Kopf beheimatet. Höre ich einen Möwenruf oder Wellenrauschen, ploppen Bilder auf meiner „Festplatte“ auf.

Dann sehe ich mich wieder im Sand liegen, sehe die Brandung unermüdlich, zufrieden Sand abtragen, sehe ich die Robben mit zugekniffenen Knopfaugen ihren friedliebenden Bauch in die Sonne strecken, sehe ich Kinder sorgenlos im geschichtsträchtigen Sand spielen, sehe ich das blitzschnelle Glitzern auf dem Wasser, sehe ich die rotäugigen Austernfischer galant streiten und flitzen, sehe ich die Basstölpel senkrecht ins müde Meer stürzen, sehe ich die Eiderenten eine triebhafte Möwe belehren, sehe ich verzweifelt die Möwenküken betteln, sehe ich Quallen fließend vertrocknen, sehe ich die Steine behäbig rollen, sehe ich die vielen verschiedenen Farben im Sand, sehe ich die Boote stetig kleiner werden, sehe ich die Köpfe größer werden und um einen Körper anwachsen, sehe ich den von Fliegen umschwirrten Tang (der wie ein altes, verschwurbeltes Kassettenband aussieht), sehe ich die Spaziergänger den gierigen Sand absuchen, sehe ich die Sonne alleine wandern, sehe ich die Flugzeuge eintrudeln, sehe ich den Abend nahen.

Dann höre ich das ewige Tönen des Meeres, dann höre ich die gedämpften und gebräunten Stimmen, dann höre ich das tiefe und erhabene Brummen der Schiffsmotoren, höre ich die Kinder satt zanken, höre ich die geliebten Möwen klagen, höre ich das hysterische Fiepen des höflichen Austernfischers, höre ich den Wind Sand rauben, höre ich das niedliche Grummeln der Robben, höre ich die Enten grinsen, höre ich die Flieger in der Luft paddeln, höre ich die Teller ungeduldig auf dem Tisch sich niederlassend, höre ich die Basstölpel sich ermutigend zurufen, höre ich wieder Wind und Wellen in vertrauter Zweisamkeit.

Robben auf der Düne (Helgoland).

Robben auf der Düne (Helgoland)

Ich möchte die Augen schließen und noch ein bißchen dort verweilen, von wo meine Seele sich weigert, fort zu gehen. Möchte noch ein bißchen fühlen, wie der Sand auf der Haut kribbelt und juckt. Möchte mich zu den Robben legen und auch etwas den Speck wärmen lassen. An nichts denken, einfach nur liegen. Dieser im Realen nicht vorhandene Ort, der doch so nah und doch so fern ist.

Südstrand auf der Düne (Helgoland)

Südstrand auf der Düne (Helgoland)

Die unerträgliche Allgegenwart des Mülls

„Wählen ist wie Zähneputzen – wenn du’s nicht tust, wird es braun.“ (Hagen Rether)

Letztens lief ich an der Murr entlang, auf dem Weg zum Zahnarzt. Eigentlich ein schöner Weg, entlang des rauschenden Wassers, wenn da nicht überall diese Müllberge wären. Wenn ein paar Meter keine Müllberge sind, dann liegen vereinzelt Müllfetzen an der Böschung. Alte Bäckertüten, Taschentücher, Getränkekartons oder Plastikbecher. Eine aktuelle Debatte zeigt, dass die Menschen empört sind über den Umgang mit solchen Hinterlassenschaften. Allerdings oft nur, wenn diese mutmaßlich von Flüchtlingen oder Asylsuchenden entsorgt werden. In den sozialen Medien verbreiteten sich Bilder, die beweisen sollten, wie unsere Gastfreundschaft im Müll erstickt würde. Teilweise mag das ein oder andere Bild der Wahrheit entsprochen haben, etwa wenn Tausende Menschen auf engsten Raum einquartiert wurden. Aber auch an diesem Argument ließ sich ohne Weiteres ablesen, wie Themen für die eigene Agenda instrumentalisiert und ganze Ethnien verurteilt wurden. Ein weiteres Beispiel sind Obdachlose, doch das nur als Hinweis.

Dass nicht erst seit der Flüchtlingskrise ein Müllproblem existiert, weiß ein aufmerksamer, aufrichtiger Beobachter. Schon immer, zu früheren Zeiten vermutlich eher noch schlimmer, gab es Schmutzfinken. Solche „Vögel“ gehören auf die rote Liste gefährdeter Arten, nicht der majestätische Tiger. Fahren Sie doch nur mal eine Straße lang, achten Sie dabei bewusst auf den Straßenrand. Die angrenzende Handel- und Gastronomielandschaft lässt sich oft schon in der Natur ablesen. Wie oft entdeckt man bei einem Spaziergang am Waldrand oder bei Parkplätzen haushaltsübliche Mengen in Müllsäcken? Klar, ich achte nicht immer und jederzeit darauf, aber es fällt mir doch öfter auf, wenn ich unterwegs bin. Allein schon der Boden in der Stadt: nicht nur mit Steinen, sondern fast ebenso deckend mit Kaugummis gepflastert! Achten Sie beim nächsten Mal darauf.

Bushaltestelle in Backnang

Bushaltestelle in Backnang

Die „Wegwerfgesellschaft“ – ein beinahe schon überstrapaziertes Schlagwort. Es ist einfach so schön plakativ, drückt so vieles in komprimierter Weise aus. Momentan verbinde ich mit diesem Ausdruck eher folgendes: die „Wegwerfgesellschaft“, die ihre Werte wegwirft. Die Asyldebatte zeigt, dass einige bereit sind, demokratische Werte zu opfern. Da ist die Rede von Mord, Totschlag und anderen niederträchtigsten Taten. Vielleicht aber wurden diese Werte gar nie verworfen. Das Ausmaß an Boshaftigkeit läßt eher darauf schließen, das schlafende Hunde geweckt wurden. Im Osten wird ein Laden demoliert, Flüchtlingsunterkünfte brennen hüben wie drüben, Rockergangs prügeln Flüchtlinge. Und was passiert? Beifall! Der Verprügelte habe sicher Dreck am Stecken gehabt, der habe es schon verdient. Einem Friedliebenden passiere das nicht. Vielleicht hat Pegida ja in einem Punkt Recht: die Presse schreibt nicht die Wahrheit, wenn von einer modernen Gesellschaft die Rede ist. Denn eine moderne Gesellschaft scheint nur ein Wunschdenken zu sein, tatsächlich befinden sich einige Landsleute mit ihren Gedanken und Wertevorstellungen noch im Mittelalter oder gar in der Steinzeit.

Der Durchschnittdeutsche verfügt über eine gespaltene Persönlichkeit: einerseits konsumiert er was das Zeug hält, produziert Müll ohne Ende und verschmutzt die Umwelt. Andererseits kann er dieses Verhalten nicht komplett verdrängen, daher sorgt das schlechte Gewissen dafür, dass er Müll in gefühlte 100 Arten trennt, öfter Bio-Obst einkauft, und ins Repair Café geht. Würde man sich nicht so unverantwortlich verhalten, müsste man keine solche Wiedergutmachung betreiben, könnte man meinen. Die AfD hält auch in diesem Punkt eine Alternative bereit: Klimawandel? Gibt es nicht! Die Partei für besorgte Bürger verfolgt eine „offensive“ psychische Strategie, die darin besteht, das Problem zu „verdrängen“, nicht das eigene Fehlverhalten. Die „gesündere“ Abwehrstrategie? Ich denke, das diese Strategie viel über eine Person aussagt. Es ist eine einfache, bequeme Art, Unlust zu umgehen. Ob der eine Abwehrmechanismus gesünder als der andere ist, lässt sich vermutlich nicht seriös behaupten, es gibt einfach verschiedene Formen, Punkt. Wenn schon eine Unterscheidung, dann höchstens die: dass Letztere infantiler ist, als Erstere. Kleine Kinder halten sich auch die Hand vor das Gesicht und sind überzeugt, unsichtbar zu sein…Genauso verhält es sich mit deutschen Rüstungsexporten, also den Fluchtursachen, aber auch das nur nebenbei als Erinnerung.

Stichwort Ideologie: Die AfD behauptet, gegen Ideologie in der Schule vorgehen zu wollen („Bildung statt Ideologie“). Vor allem gegen die Ideologie des Pluralismus und der Vielfalt, also konkret gegen die sexuelle Vielfalt (Lesben, Schwule, Transsexuelle…). Diese Behauptung verschweigt gleichzeitig, dass die Ideen und Werte der AfD ebenfalls eine Ideologie darstellen. Denn das Bild von einer traditionellen und natürlich vor allem deutschen Familie (Mann arbeitet, Frau hütet die Kinder) oder Nation ist ebenfalls Ideologie. Wäre es keine Ideologie, sondern Realität und Natur, warum sollte es dann andere Ausprägungen geben? Ach ja, ich denke, ich weiß, welches Argument „besorgte Bürger“ jetzt nennen. Es ist der „Müll“ der Evolution, richtig? Abnormes Verhalten, sowas wie eine „Behinderung“ oder „Mutation“. Oder um es im nationalsozialistischen Sprech auszudrücken „Entartet“, „degeneriert“. Aufgrund der Reproduktionsfreudigkeit „minderwertiger Rassen“, die sich unter das Herrenvolk „einschleichen“, droht Deutschland zu verdummen, oder wie meinte das Herr Sarrazin doch gleich? Diese Ideologie liegt den Pegida-Anhängern/AfDlern zugrunde, wenn man richtig zuhört. Beispiel Björn Höcke und die Aussagen über Afrikaner, oder Syrer, die immer noch „ihr Syrien haben“, der gute Deutsche allerdings bald „sein Deutschland nicht mehr“.

Deutsche Kultur (o.ä.)

Deutsche Kultur (o.ä.)

Auf dem Rückweg vom Zahnarzt decke ich mich mit dem vollen Programm ein: neues Mundwasser, Zahnseide-Sticks, spezielle Zahnpasta. Die ersten Tage war ich natürlich hochmotiviert…Aber das schlechte Gewissen hielt nicht lange an. Jede Woche flammt es wieder auf, dann geht es wieder für ein, zwei Tage besser. Der Mensch ist nun mal ein Gewohnheitstier. Besser jede Woche wenigstens einen Tag, als gar nicht. Klar, ich schmeiße auch mal was auf den Boden. Als ich noch geraucht habe, kein Aschenbecher in Sicht war, zum Beispiel. Es ist doch menschlich, Fehler zu machen. Es müssen aber nicht die ganz großen und doofen und ständig sein…DAS wird man doch noch sagen dürfen!

Lebe Deine Träume

Jeder kennt den Spruch „Träume nicht Dein Leben, sondern lebe Deine Träume“. Genau das habe ich getan, habe meine Sachen gepackt und bin für drei Monate nach Helgoland – ans MEER. Denn mein Traum war es schon immer am Meer zu leben. So weit, so gut. Ich bereue es nicht, keine Sorge. In einer Woche ist meine Zeit sogar schon vorbei hier, dann geht es noch in den Urlaub. freu Es geht weiter in den Norden, nach Dänemark und Schweden, wo sicher auch der ein oder andere Blog-Beitrag entstehen wird…

Ich habe die Zeit hier in Helgoland jedenfalls genossen, es war eine wertvolle Erfahrung für mich und ich habe viel gesehen und gelernt. Ich weiß nun, dass ich ganz gut alleine klar komme, das stärkt natürlich das Selbstvertrauen. Es ist schließlich schon ein Schritt, irgendwo in der „Fremde“ neu anzufangen sozusagen. Und nicht zu vergessen, manche Leute können ja auch gar nicht alleine sein und sich alleine beschäftigen. Für mich – kein Problem. Allerdings ist es auch so, dass wenn sich ein Traum erfüllt (bei Chinesen wird ein Traum „rund“), eine Leerstelle zurückbleibt. Solange Du von etwas träumst, hast Du ja diese tolle, wunderbare Vorstellung, ein Ziel, auf das Du hinarbeitest. Und natürlich ist es auch so, dass alles Tolle bei entsprechender Gewöhnung Alltag und damit normal wird. Nichts Besonderes mehr.

Vielleicht hat mich inzwischen auch das Heimweh gepackt, ich weiß es nicht. Da ich noch nie wirklich Heimweh hatte, weiß ich gar nicht, wie sich das anfühlt. Du lachst? Mag sein, viele Gefühle oder Emotionen erkennt man ohne Probleme. Aber ist es nicht auch oft seltsam diffus, was gefühlt wird? Oder am Anfang könnte Heimweh sich doch auch äußern, indem man alles schlecht redet…Gefühle lernt man, andere erzählen Dir als Kind wie Du Dich fühlst und benennen es. Gefühle lernt man so mittels Spracherwerb. Einfache Gefühle, wie Hunger oder Angst, klar, die erkennt jeder. Aber was ist eben mit solchen „komplexen“, wie Heimweh? Basorexia – das dringende und überwältigende Bedürfnis zu küssen – aus dem griechischen, gibt es im deutschen nicht einmal. Diese Emotion dürfte sogar noch leicht erklärbar sein und dennoch, es gibt kein deutsches Pendant (weitere Beispiele siehe hier http://www.huffingtonpost.de/2014/01/02/wortschatz-bedeutung-woerter-die-in-der-deutschen-sprache-fehlen_n_4530334.html ). Sprache ist aufschlußreich: es gibt „Minderbemittelte“, „Wohlhabende“, aber „genughabend“ – auch das findet sich nicht im alltäglichen Gebrauch. Motzer, Meckerliese, Nörgler – kennst Du das Gegenteil? Ist die deutsche Sprache etwa pessimistisch?

Ich denke, ich empfinde auf jeden Fall Sehnsucht. Sehnsucht nach einem neuen Traum, für den ich bereit bin, etwas zu wagen. Ins kalte Wasser zu springen. Wobei mir die Nordsee fast zu frisch ist…Ich will ans Mittelmeer…