Die unerträgliche Allgegenwart des Mülls

„Wählen ist wie Zähneputzen – wenn du’s nicht tust, wird es braun.“ (Hagen Rether)

Letztens lief ich an der Murr entlang, auf dem Weg zum Zahnarzt. Eigentlich ein schöner Weg, entlang des rauschenden Wassers, wenn da nicht überall diese Müllberge wären. Wenn ein paar Meter keine Müllberge sind, dann liegen vereinzelt Müllfetzen an der Böschung. Alte Bäckertüten, Taschentücher, Getränkekartons oder Plastikbecher. Eine aktuelle Debatte zeigt, dass die Menschen empört sind über den Umgang mit solchen Hinterlassenschaften. Allerdings oft nur, wenn diese mutmaßlich von Flüchtlingen oder Asylsuchenden entsorgt werden. In den sozialen Medien verbreiteten sich Bilder, die beweisen sollten, wie unsere Gastfreundschaft im Müll erstickt würde. Teilweise mag das ein oder andere Bild der Wahrheit entsprochen haben, etwa wenn Tausende Menschen auf engsten Raum einquartiert wurden. Aber auch an diesem Argument ließ sich ohne Weiteres ablesen, wie Themen für die eigene Agenda instrumentalisiert und ganze Ethnien verurteilt wurden. Ein weiteres Beispiel sind Obdachlose, doch das nur als Hinweis.

Dass nicht erst seit der Flüchtlingskrise ein Müllproblem existiert, weiß ein aufmerksamer, aufrichtiger Beobachter. Schon immer, zu früheren Zeiten vermutlich eher noch schlimmer, gab es Schmutzfinken. Solche „Vögel“ gehören auf die rote Liste gefährdeter Arten, nicht der majestätische Tiger. Fahren Sie doch nur mal eine Straße lang, achten Sie dabei bewusst auf den Straßenrand. Die angrenzende Handel- und Gastronomielandschaft lässt sich oft schon in der Natur ablesen. Wie oft entdeckt man bei einem Spaziergang am Waldrand oder bei Parkplätzen haushaltsübliche Mengen in Müllsäcken? Klar, ich achte nicht immer und jederzeit darauf, aber es fällt mir doch öfter auf, wenn ich unterwegs bin. Allein schon der Boden in der Stadt: nicht nur mit Steinen, sondern fast ebenso deckend mit Kaugummis gepflastert! Achten Sie beim nächsten Mal darauf.

Bushaltestelle in Backnang

Bushaltestelle in Backnang

Die „Wegwerfgesellschaft“ – ein beinahe schon überstrapaziertes Schlagwort. Es ist einfach so schön plakativ, drückt so vieles in komprimierter Weise aus. Momentan verbinde ich mit diesem Ausdruck eher folgendes: die „Wegwerfgesellschaft“, die ihre Werte wegwirft. Die Asyldebatte zeigt, dass einige bereit sind, demokratische Werte zu opfern. Da ist die Rede von Mord, Totschlag und anderen niederträchtigsten Taten. Vielleicht aber wurden diese Werte gar nie verworfen. Das Ausmaß an Boshaftigkeit läßt eher darauf schließen, das schlafende Hunde geweckt wurden. Im Osten wird ein Laden demoliert, Flüchtlingsunterkünfte brennen hüben wie drüben, Rockergangs prügeln Flüchtlinge. Und was passiert? Beifall! Der Verprügelte habe sicher Dreck am Stecken gehabt, der habe es schon verdient. Einem Friedliebenden passiere das nicht. Vielleicht hat Pegida ja in einem Punkt Recht: die Presse schreibt nicht die Wahrheit, wenn von einer modernen Gesellschaft die Rede ist. Denn eine moderne Gesellschaft scheint nur ein Wunschdenken zu sein, tatsächlich befinden sich einige Landsleute mit ihren Gedanken und Wertevorstellungen noch im Mittelalter oder gar in der Steinzeit.

Der Durchschnittdeutsche verfügt über eine gespaltene Persönlichkeit: einerseits konsumiert er was das Zeug hält, produziert Müll ohne Ende und verschmutzt die Umwelt. Andererseits kann er dieses Verhalten nicht komplett verdrängen, daher sorgt das schlechte Gewissen dafür, dass er Müll in gefühlte 100 Arten trennt, öfter Bio-Obst einkauft, und ins Repair Café geht. Würde man sich nicht so unverantwortlich verhalten, müsste man keine solche Wiedergutmachung betreiben, könnte man meinen. Die AfD hält auch in diesem Punkt eine Alternative bereit: Klimawandel? Gibt es nicht! Die Partei für besorgte Bürger verfolgt eine „offensive“ psychische Strategie, die darin besteht, das Problem zu „verdrängen“, nicht das eigene Fehlverhalten. Die „gesündere“ Abwehrstrategie? Ich denke, das diese Strategie viel über eine Person aussagt. Es ist eine einfache, bequeme Art, Unlust zu umgehen. Ob der eine Abwehrmechanismus gesünder als der andere ist, lässt sich vermutlich nicht seriös behaupten, es gibt einfach verschiedene Formen, Punkt. Wenn schon eine Unterscheidung, dann höchstens die: dass Letztere infantiler ist, als Erstere. Kleine Kinder halten sich auch die Hand vor das Gesicht und sind überzeugt, unsichtbar zu sein…Genauso verhält es sich mit deutschen Rüstungsexporten, also den Fluchtursachen, aber auch das nur nebenbei als Erinnerung.

Stichwort Ideologie: Die AfD behauptet, gegen Ideologie in der Schule vorgehen zu wollen („Bildung statt Ideologie“). Vor allem gegen die Ideologie des Pluralismus und der Vielfalt, also konkret gegen die sexuelle Vielfalt (Lesben, Schwule, Transsexuelle…). Diese Behauptung verschweigt gleichzeitig, dass die Ideen und Werte der AfD ebenfalls eine Ideologie darstellen. Denn das Bild von einer traditionellen und natürlich vor allem deutschen Familie (Mann arbeitet, Frau hütet die Kinder) oder Nation ist ebenfalls Ideologie. Wäre es keine Ideologie, sondern Realität und Natur, warum sollte es dann andere Ausprägungen geben? Ach ja, ich denke, ich weiß, welches Argument „besorgte Bürger“ jetzt nennen. Es ist der „Müll“ der Evolution, richtig? Abnormes Verhalten, sowas wie eine „Behinderung“ oder „Mutation“. Oder um es im nationalsozialistischen Sprech auszudrücken „Entartet“, „degeneriert“. Aufgrund der Reproduktionsfreudigkeit „minderwertiger Rassen“, die sich unter das Herrenvolk „einschleichen“, droht Deutschland zu verdummen, oder wie meinte das Herr Sarrazin doch gleich? Diese Ideologie liegt den Pegida-Anhängern/AfDlern zugrunde, wenn man richtig zuhört. Beispiel Björn Höcke und die Aussagen über Afrikaner, oder Syrer, die immer noch „ihr Syrien haben“, der gute Deutsche allerdings bald „sein Deutschland nicht mehr“.

Deutsche Kultur (o.ä.)

Deutsche Kultur (o.ä.)

Auf dem Rückweg vom Zahnarzt decke ich mich mit dem vollen Programm ein: neues Mundwasser, Zahnseide-Sticks, spezielle Zahnpasta. Die ersten Tage war ich natürlich hochmotiviert…Aber das schlechte Gewissen hielt nicht lange an. Jede Woche flammt es wieder auf, dann geht es wieder für ein, zwei Tage besser. Der Mensch ist nun mal ein Gewohnheitstier. Besser jede Woche wenigstens einen Tag, als gar nicht. Klar, ich schmeiße auch mal was auf den Boden. Als ich noch geraucht habe, kein Aschenbecher in Sicht war, zum Beispiel. Es ist doch menschlich, Fehler zu machen. Es müssen aber nicht die ganz großen und doofen und ständig sein…DAS wird man doch noch sagen dürfen!

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